Interview: DEMIRA Deutsche Minenräumer e.V.: Emergency Response Unit aus Port-au-Prince zurückgekehrt

München, den 31. Januar 2010. Zwei Wochen nach seiner Ankunft in Santo Domingo ist das vierköpfige Team zur medizinischen Erstversorgung mit Marcia Hamzat, dem Arzt für Kinderheilkunde Dr. Thomas Eichholz, dem Unfallchirurgen Dr. Aljoscha Schäffler

und dem Allgemeinmediziner Tillmann Haaker über Philadelphia nach München zurückgekehrt. Nach ihrer Landung sprach Jochen Paul am Flughafen mit Teamleiterin Marcia Hamzat.

Jochen Paul: Welche Situation haben Sie am Anfang vorgefunden?

Marcia Hamzat: Die Situation vor Ort war extrem schwierig und mit unseren Erbebeneinsätzen in Indonesien und Pakistan nicht zu vergleichen: Fast das gesamte Stadtgebiet von Port-au-Prince ist zerstört, die Menschen dort leben unter unvorstellbaren Bedingungen – bereits vorher war Haiti eines der ärmsten Länder der Welt, der Wiederaufbau der Infrastruktur wird Jahre benötigen. Auch wenn bis vor zwei bis drei Tagen immer noch Überlebende geborgen wurden, befinden sich drei Wochen nach dem Erdbeben liegen schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Tote unter den Trümmern, über der gesamten Stadt liegt Verwesungsgeruch. Außerdem gibt es sehr viele Waisenkinder, Kindesentführungen und Kinderhandel nehmen sprunghaft zu.

JP: Was waren Ihre ersten Schritte nach der Landung in Santo Domingo?

MH: Nachdem es kaum verlässliche Informationen über die Sicherheitslage in Haiti gab, haben wir uns zunächst selbst einen Überblick verschafft und sind in zwei Gruppen ins Grenzgebiet gefahren. Nachdem uns klar wurde, dass die Situation nicht so dramatisch war wie in den Nachrichten geschildert, waren wir die ersten beiden Tage in Jimani im dominikanischen Grenzgebiet bei „International Faith Mission" – einer christlichen Missionseinrichtung aus den USA –, bis uns die zweite Gruppe gefolgt war. Mit „International Faith Mission", die auf der Suche nach Ärzten waren, ist das gesamte Team dann nach Port-au-Prince gefahren, wo wir mit unserer Arbeit begonnen haben: Jeden Tag zwischen acht Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags, um vor Sonnenuntergang wieder zurück zu sein. Nach drei weiteren Tagen sind wir aus Sicherheitsgründen ins UN-Lager umgezogen, wo wir neben dem portugiesischen UN-Blauhelme Camp platziert wurden.

JP: Es gab viele kritische Stimmen zur Arbeit der UN – können Sie die bestätigen?

MH: Ganz und gar nicht – ohne die UN wären wir niemals so weit gekommen, wie wir sind. Nach unserem Umzug haben wir ein Auto gekauft, mit dem wir zunächst in Port-au-Prince unterwegs waren, um Verletzte ambulant zu behandeln – zwischen 70 und 130 Patienten pro Tag.

JP: Inwieweit fand eine Koordination der unterschiedlichen Einsätze und Hilfsorganisationen statt?

MH: Koordiniert wurden die unterschiedlichen Hilfsorganisationen von der UN und dem Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) insofern, als dass bei ihnen die Informationen zusammenliefen, welche Organisation wo im Einsatz war. Außerdem hielten wir Kontakt zur World Health Organization (WHO), zur Deutschen Botschaft und zum Technischen Hilfswerk. Darüber haben wir die Organisation Interhelp aus Hameln kennen gelernt, mit der wir, um ihre und unsere Kapazitäten zu bündeln, ab dann in einem der größten Flüchtlingslager in Port-au-Prince zusammengearbeitet haben – dort befinden sich zwischen 50.000 und 70.000 Personen. Die Entscheidung dorthin zu gehen, fiel nach einem Helikopterflug mit GermanHelpOne über die Stadt: Am Boden ist Port-au-Prince immer noch sehr unübersichtlich.

JP: Wie funktionierte der Medikamentennachschub?

MH: Zunächst haben wir zwei Lieferungen Medikamente in der Dominikanischen Republik gekauft, eine weitere Charge bekamen wir über die action medeor e.V. aus Tönisvorst, dem mittlerweile größten europäischen Medikamenten-Hilfswerk. Insgesamt hatten wir ca. drei Tonnen Medikamente und Verbandsmaterial.

JP: Was waren die medizinischen Schwerpunkte Ihres Einsatzes?

MH: In erster Linie die Behandlung von teilweise offenen Frakturen, Quetschungen, die Wundversorgung und die Behandlung von Wundinfektionen sowie sämtlichen Krankheiten, die auf Haiti auch vor dem Erdbeben grassierten. Davon abgesehen sind die größten Probleme in Port-au-Prince die Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Zelten als Notunterkünfte: In vier Wochen beginnt auf Haiti die Regenzeit, und wenn bis dahin die Leichen nicht geborgen werden können – was wegen der so gut wie nicht mehr vorhandenen Infrastruktur extrem schwierig ist –, besteht massiv die Gefahr des Ausbruchs von Seuchen wie Typhus und Cholera.

JP: Sie haben in den letzten Tagen Ihres Einsatzes in Port-au-Prince noch ein Feldkrankenhaus aufgebaut – woher kam das?

MH: Aus Deutschland in die Dominikanische Republik, allerdings nicht nach Santo Domingo, sondern nach Porto Plata, weshalb wir zunächst auf der Suche danach waren. Anschließend wurde es auf zwei LKWs nach Port-au-Prince gebracht, wo wir es innerhalb eines halben Tages aufgebaut und an unser sechsköpfiges Nachfolge-Team übergeben haben. Es wird für vier Wochen auf Haiti bleiben und konnte am Tag vor unserem Rückflug bereits 200 Patienten pro Tag behandeln. Das Feldkrankenhaus soll auch nach unserem Einsatz auf Haiti bleiben.

JP: Wie kann man einen solch schwierigen Einsatz in so kurzer Zeit realisieren und erfolgreich durchführen?

MH: Im Hintergrund haben wir viele verlässliche Partner, die uns zur Seite stehen. Mein Besonderer Dank gilt „Ein Herz für Kinder, BILD hilft e.V." den Round Table Deutschland, dem Barmherzigkeit e.V. und der Abt. Unfallchirurgie des Klinikums rechts der Isar Prof. Stöckle.

JP: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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